Weihnachtstörn auf den Kanarischen Inseln 2001 


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Als Weihnachtsgeschenk für die Crew der Alexander von Humboldt auf dem Weihnachtstörn 2001
(geschrieben von Trainee Corinna Howe während ihrer 4-tägigen Seekrankheit)
          
Der Weihnachts-Klabautermann
Als ich heute, am 24. Dezember während meiner 4-8 Wache am Ausguck stand und meinen Blick über das Meer schweifen ließ, nahm ich plötzlich eine Bewegung an der Außenseite unseres Schiffes wahr. Erst konnte ich gar nichts erkennen, es war ja schließlich dunkel. Aber dann krabbelte etwas über die Reling und hockte sich mit einem Schwung beinebaumelnd auf das Nagelbrett.
"Was um alles in der Welt bist du denn?" fragte ich entgeistert das grüne, circa 1 Meter hohe Ding.
"Ich," grinste es frech, "ich bin der Klabautermann."
"Soso! Dann bist du wohl für den Seegang von vorgestern verantwortlich?" fragte ich argwöhnisch.
Er nickte begeistert: "Toll, was?"
"Nein!" brüllte ich ihn an. "Gar nicht toll. Ich finde solch hohe Wellen überhaupt nicht witzig, außerdem wird mir speiübel dabei. Weißt du eigentlich, wie viele Schiffe bei solchen Stürmen schon gekentert und wie viele Menschen dabei ertrunken sind?" (Wenn man schon mal dabei ist, einem Klabautermann die Meinung zu sagen, kann man das ja gleich richtig machen).
Er schaute gelangweilt auf die Nägel seiner langen, grünen Fingerspitzen und meinte: "Natürlich, das war ja der Sinn der Sache."
"Wie bitte?" ich ging wütend auf ihn zu "Warum nur?"
"Nun, im Grunde ist es so," fing er an und rutschte unbehaglich auf dem Nagelbrett herum "ich wollte die Menschen doch nur kennenlernen. Ich kann ja schließlich nicht an Land! Aber jedesmal, wenn ich sie zu mir herunterholte, waren sie kaputt."
"Ertrunken" korrigierte ich "Diese Menschen sind tot."
Das grüne Klabauterding mit den langen Fingern zuckte resigniert mit den schmalen Schultern. "Sag ich doch: kaputt."
"Das hättest du auch einfacher haben können." meinte ich und hielt weiter Wache, indem ich über die Back ging und meinen Blick erneut über das Meer schweifen ließ. Das grüne Klabauterding mit den langen Fingern und den schmalen Schultern rutschte vom Nagelbrett und glabberte auf seinen breiten, grünen Füßen zu mir herüber.
"Wie denn?" fragte er fast atemlos vor Neugier.
Ich drehte mich langsam zu ihm um: "Du hättest Jemanden fragen können, tust du ja jetzt auch!"
Er tippte mit dem Zeigefinger an meinen Arm. "Und du würdest mir etwas über die Menschen erzählen?"
"Klar, wo soll ich anfangen?"
"Vorn!" rief er und dann ließ sich das grüne Klabauterding mit den langen Fingern, den schmalen Schultern und den breiten Füßen auf sein Hinterteil plumsen. Also erzählte ich ihm die Weihnachtsgeschichte. (Bietet sich ja an am 24.Dezember!). Von Maria und Josef, dem Jesuskind, den Engeln, Hirten und Königen, wie sich die Menschen an Weihnachten gegenseitig beschenken, um sich zu zeigen, daß sie sich mögen.
Als ich damit fertig war, überlegte er einen Moment. "Sind die Menschen eigentlich alle gleich?" fragte er dann und knabberte nachdenklich an seinen aufgeweichten Füßnägeln.
"Oh nein." Ich schmunzelte. "Sie sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht, Sonne und Mond, Wärme und Kälte. Jeder für sich ist einzigartig und auch wenn Menschen manchmal gleich aussehen. Jeden gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt. Und in jedem stecken gute und schlechte Dinge und es dauert oft sehr lange, bis die Menschen sie aneinander entdeckt haben."
Das grüne Klabauterding mit den langen Fingern, den schmalen Schultern, breiten Füßen und aufgeweichten Fußnägeln dachte nach. Dann rappelte es sich hoch und sagte "Ich glaube, ich habe jetzt schon eine ganze Menge über die Menschen erfahren. Und um sie noch besser kennenzulernen, komme ich einfach ab und zu mal vorbei."
"Tu das," sagte ich und sah ihm nach, wie er über die Reling hopste und im Meer verschwand. Einmal steckte er noch den Kopf aus dem Wasser und rief: "Hee, es ist doch Weihnachten! Ich will dir was schenken!"
"Und was willst du mir schenken?" fragte ich etwas argwöhnisch.
"Gutes Wetter und leichte See  für den ganzen Weihnachtstag!" rief er fröhlich. "Und du, was schenkst du mir?"
Er ließ sich auf dem Rücken treiben, so daß der Bauch aus dem Wasser guckte und wackelte mit den Zehen. Die dunklen Augen strahlten erwartungsvoll zu mir hinauf.
Ich beugte mich über die Reling und sagte: "Eine Geschichte. Deine Geschichte schenke ich dir."
Da winkte es beglückt mit seinen langen grünen Finger und verschwand in der Tiefe des Meeres.
   
Ende
Die Weihnachtscrew bedankt sich ganz herzlich bei Corinna für diese tolle Idee!